Gemeinde Wilchingen



News

21.12.2011
Geflüchtet vor einem grausamen Krieg, in Osterfingen angekommen

Seit mehr als vier Monaten haben sieben Männer aus Eritrea in Osterfingen eine neue Heimat gefunden. Alle sieben sind anerkannte Flüchtlinge mit einem B- Ausweis. Sie erzählten der Bevölkerung am vergangenen Freitag über ihre alte Heimat, ihre Flucht und ihre Wünsche für die Zukunft. Der Austausch war sehr offen und die Geschichten der Männer eindrücklich und berührend.

 

          

 

 

sgh. Seit September dieses Jahres leben in Osterfingen sieben Männer aus Eritrea. „Wilchingen hat mit dem Entschluss, Flüchtlinge aufzunehmen, den Ball nach Osterfingen gespielt. Wir haben diesen Ball hier angenommen und dank unserer Mittelstürmerin, Susanne Hasler, spielen wir nun sehr gut damit.“ Pfarrer Ruedi Waldvogel fasste mit diesen Worten kurz zusammen, wie Osterfingen mit der neuen Situation umgeht. Natürlich fallen die sieben Männer auf, wenn sie auf der Dorfstrasse angetroffen werden. In diesem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt sowieso. Oft sehe man sie die Strasse runterrennen, um den Bus noch zu erwischen, wie die Jugend vom Dorf, immer auf den letzten Drücker, stellte Pfarrer Waldvogel fest. Die sieben dunkelhäutigen Männer hätten immer ein Lächeln auf dem Gesicht und grüssen freundlich. Dass die sieben Flüchtlinge dankbar sind, dass sie hier eine neue Heimat gefunden haben, zeigt sich in kleinen Dingen, wie das freundliche Grüssen, aber auch in der Bereitschaft, gerne arbeiten zu wollen. Alle halfen beim Herbsten in den Reben mit und sie hatten Freude daran. Es komme auch viel Liebes von der Bevölkerung zurück, erzählte Pfarrer Waldvogel weiter, so fänden die Flüchtlinge öfters Aufmerksamkeiten vor der Tür, wie zum Beispiel letztens „Chlaussäckli“, die mit allerlei Gutem gefüllt waren. Aber auch Möbel oder gar Velos fänden den Weg zu den neuen Mitbewohnern im Dorf. Zwei der sieben Männer haben nun einen Praktikumsplatz in Wilchingen gefunden, wo sie arbeiten dürfen. Einer arbeitet in der Sägerei, der andere in der Schlosserei im Dorf. „Sie alle würden sehr gerne arbeiten“, bemerkte Susanne Hasler, die die Flüchtlinge betreut, „sie halten dieses Nichtstun bald nicht mehr aus.“ Eine grosse Schwelle, die es zur Arbeitswelt zu überwinden gilt, ist für die Männer aus Eritrea die Sprache, die sie zuerst erlernen müssen. Zwei von ihnen können seit Herbst einen Sprachkurs besuchen, die anderen müssen warten, bis es nach den Sportferien freie Plätze gibt. Die Sprache ist allerdings nur eine Schwierigkeit, die meisten von ihnen kennen auch die lateinische Schrift nicht, da sie in ihrer Heimat nur die arabischen Schriftzeichen erlernten. Allerdings sind alle sehr willig, die deutsche Sprache schnell zu erlernen, denn sie möchten noch viel mehr Kontakt zu der Bevölkerung haben und unsere Kultur und Bräuche kennenlernen, wie sie sagen.

13 Tage durch die Sahara

Was diese Männer wohl erlebt haben? Was kann sie dazu getrieben haben, ihre Familien, Frau und Kinder zurückzulassen und zu fliehen? Über gewisse Sachen sprechen sie nicht, so zum Beispiel über ihre Zeit beim Militär, die bei Goytom, einem der Flüchtlinge, 13 Jahre gedauert hat. In drei Kriegen habe er mitgekämpft bevor er geflüchtet sei. Ohne Einkommen leistete Abraham, ein anderer Eritreer, zehn Jahre Kriegsdienst, er hat eine Frau und Kinder, die immer noch in Eritrea leben. Sein grösster Wunsch ist es, hier die Sprache zu lernen, seinen Beruf als Automechaniker auszuüben und dann irgendwann seine Familie hierher zu holen. Eine Rückkehr in seine Heimat ist für ihn, wie für alle sieben ausgeschlossen, da sie in ihrer Heimat sofort ins Gefängnis kämen. Sie seien Verbrecher in ihrer Heimat, weil sie ohne Erlaubnis der Regierung ihr Land und die Armee verlassen hätten. „Auch hier in der Schweiz besteht eine Militärpflicht, das ist für uns noch lange kein Grund zu flüchten“, ein Osterfinger wollte wissen, was denn genau der Grund zur Flucht war. Der Grenzkrieg zu Äthiopien sei das Problem, wer einmal im Krieg sei, der könne der Hölle nur mit einer Flucht aus dem Land entkommen, sagte einer der Männer, die sichtlich nervös wurden bei dem Thema. Mehr dazu wollten, oder konnten sie nicht sagen, alle zappelten nervös mit den Beinen, einer trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, ein anderer legt den Kopf in die gefalteten Hände auf dem Tisch. Es muss ihnen schlimmes widerfahren sein, das ist offensichtlich. Semere, einer der Flüchtlinge, erzählt von den Strapazen, die er auf sich genommen hat, um hierher zu kommen. Seine Familie habe ihm gesagt, er solle versuchen in die Schweiz zu flüchten, weil dort Frieden sei. „Ich habe mal ein Bild von der Schweiz gesehen, darauf war alles grün, so stellte ich mir den Himmel vor“, erzählt er weiter. Seine Flucht führte ihn zuerst nach Äthiopien, dem Feind, mit dem Eritrea im Krieg steht. Zehn Tage war er hinter der Feindeslinie unterwegs, bis er nach Sudan gelangte. Fünf Wochen reiste er durch den Sudan, danach kam ein Abschnitt mit ungewissem Ausgang. Dreizehn Tage kämpfte sich der junge Mann durch die Sahara – alleine - nur die Gewissheit begleitete ihn, das Gott über das Gelingen und Überleben entscheide, egal welche Pläne ein Mensch mache. Er habe mit vielen Problemen in der Wüste gekämpft, allerdings wollte er nicht genauer darauf eingehen in seinen Ausführungen. Nach dreizehn langen Tagen und Nächten, erreichte Semere am anderen Ende der Wüste, Libyen. In den sieben darauffolgenden Monaten, in denen er auch mal im libyschen Gefängnis sass, schlug er sich bis zum Mittelmeer durch, wo er auf einem der Flüchtlingsschiffe, sechzehn Tage nach Italien unterwegs war. So erreichte Semere den europäischen Kontinent. Die sieben Männer haben sich alle in Libyen kennengelernt und sind gemeinsam in die Schweiz gekommen.

Wer sorgt denn jetzt für Frau und Kinder?

Die Familien der sieben Flüchtlinge leben weiterhin in Eritrea. Sie halten Kontakt mit ihnen per Telefon. Versorgt werden die Familien von der Dorfgemeinschaft, denn dort sei es Sitte, für diejenigen zu sorgen, bei denen ein Mann gestorben oder geflüchtet sei, erzählt Efrem. Dass diese beiden Umstände denselben Status haben, ist erschreckend. Alle möchten sie gerne hier bleiben und hier arbeiten und leben. „ Aber wie alles kommt, wie die Zukunft aussieht, das weiss nur Gott“, sind die sieben Männer aus Eritrea, die nun in Osterfingen wohnen überzeugt.